Vom Wartezimmer-Flüstern zur Aufklärung: Was Gynäkologinnen über die Menstruationstasse sagen
Wer sich zum ersten Mal mit Menstruationstassen beschäftigt, stößt schnell auf jede Menge Halbwissen. Zu giftig? Zu groß? Steckt die überhaupt richtig drin? Statt weiter zu spekulieren, haben wir mit drei Frauenärztinnen und einer Hebamme aus Berlin, Köln und Leipzig gesprochen. Ihr Fazit vorab: Medizinisch gibt die Menstruationstasse kaum einen Anlass zur Sorge – aber ein paar Grundregeln sollte man schon kennen.
„Die Tasse ist kein Fremdkörper im kritischen Sinne“
Dr. Miriam Behrend, Gynäkologin in Berlin-Kreuzberg, kennt die Fragen aus ihrer Praxis nur zu gut. „Viele Patientinnen befürchten, dass die Tasse die Scheidenflora stört oder giftige Stoffe abgibt. Beides ist bei medizinisch zertifizierten Produkten aus medizinischem Silikon kein Thema.“ Wichtig sei die Verträglichkeit des Materials: „Medizinisches Silikon ist inert, also chemisch stabil. Allergische Reaktionen sind extrem selten.“
Anders sieht es bei billigen No-Name-Produkten aus fragwürdigen Quellen aus. Hier rät die Ärztin zu genauerem Hinsehen: „Es sollten Zertifizierungen erkennbar sein, etwa nach ISO 10993 für Biokompatibilität. Wer sich unsicher ist, fragt einfach in der Praxis nach.“
Mythen-Check: Was stimmt, was nicht
Gemeinsam mit unserer Hebamme Sabine Krüger aus Leipzig haben wir die hartnäckigsten Mythen gesammelt:
- „Die Tasse kann verloren gehen.“ Falsch. Die Scheide ist ein geschlossener Raum – die Tasse kann nicht „verschwinden“. Krüger: „Mit dem Muskeltonus des Beckenbodens und ein bisschen Übung kommt sie immer wieder heraus.“
- „Junge Frauen oder Nulliparae können keine Tasse nutzen.“ Nicht haltbar. Es gibt kleinere Modelle mit weicherer Konsistenz, die auch bei enger Anatomie gut funktionieren.
- „Der Saug-effekt ist gefährlich.“ Nur bei falscher Handhabung. Die Tasse sollte entfalten und sich ein Vakuum bilden – das ist gewollt und unbedenklich. Entscheidend ist, dass man beim Entnehmen das Vakuum erst löst, etwa durch Zusammendrücken der Tasse.
- „Tampons sind hygienischer.“ Eher umgekehrt: Tampons können die Schleimhaut austrocknen, Silikon nicht.
TSS-Risiko: Entwarnung mit Sternchen
Das toxische Schocksyndrom (TSS) ist das Thema, bei dem unsere Expertinnen am ehesten differenzieren. Dr. Behrend erklärt: „Das Risiko bei Menstruationstassen ist deutlich geringer als bei Tampons, aber es ist nicht null. Es gab vereinzelt Fallberichte, unter anderem bei längerer Tragedauer.“
Der praktische Rat aus der Praxis:
- Leeren und reinigen Sie die Tasse spätestens nach zwölf Stunden
- Zwischendurch reicht Wasser, am Ende des Zyklus einmal abkochen
- Bei Fieber, Schwindel oder Hautrötung während der Periode: Tasse herausnehmen und ärztlich abklären
Die richtige Länge und andere Anatomie-Fragen
Gynäkologin Dr. Anne Rothaus aus Köln setzt bei ihren Patientinnen gern bei der Anatomie an: „Der Scheidenkanal und der Muttermund haben unterschiedliche Längen – und die variiert auch im Zyklus. Wer einen tiefer stehenden Muttermund hat, braucht eher eine längere Tasse.“
Ihr Tipp für Einsteigerinnen: „Am besten vor dem ersten Einsatz die eigene Anatomie ertasten. Und nicht entmutigen lassen, wenn die erste Tasse nicht passt. Das ist wie mit Schuhen – die zweite passt oft besser.“ Auch nach Geburten oder bei Beckenboden-Schwäche lohnt sich ein kurzes Gespräch in der Praxis, um eventuell zu einer größeren oder festeren Variante zu raten.
Was Expertinnen Anfängerinnen wirklich raten
Zusammengefasst lässt sich aus unseren Gesprächen eine kleine Praxistabelle ableiten:
| Thema | Empfehlung der Expertinnen |
|---|---|
| Material | Medizinisches Silikon mit Zertifizierung |
| Tragedauer | Maximal zwölf Stunden am Stück |
| Reinigung | Zwischendurch Wasser, nach dem Zyklus abkochen |
| Einführung | In Ruhe üben, ggf. mit Gleitgel auf Wasserbasis |
| Nachkontrolle | Bei Beschwerden oder Unsicherheit: Praxisbesuch |
Krüger ergänzt aus ihrer Arbeit im Wochenbett: „Interessant ist, dass viele Frauen erst durch Schwangerschaft und Geburt die Tasse entdecken – der Beckenboden ist da oft sensibler, und eine weiche, kleinere Tasse ist dann die bessere Wahl.“
Vom Flüstern ins offene Gespräch
Das vielleicht schönste Ergebnis unserer Recherche: Keine der befragten Expertinnen sieht einen medizinischen Grund, von der Menstruationstasse abzuraten. Im Gegenteil – Dr. Rothaus wünscht sich mehr Offenheit im Wartezimmer: „Wenn Patientinnen fragen, können wir aufklären. Wenn sie schweigen, kursieren weiter Mythen.“
Wer also überlegt, umzusteigen, kann das getrost als medizinisch unbedenkliches Experiment angehen – am besten mit einem zertifizierten Modell, etwas Geduld beim Lernen und bei Fragen mit professioneller Begleitung. Mehr dazu in unseren ausführlichen Praxis-Tests hier auf Menstruationstassen Test.